Mädchenpolitik

 

Mädchenpolitisches Denken und Handeln ist zentraler Bestandteil feministischer Mädchenarbeit, denn Mädchenarbeit hat zwei zentrale Ziele im Blick. Erstens zielt sie darauf ab, Mädchen und junge Frauen individuell in ihren Ressourcen und Möglichkeiten zu stärken und zu fördern. Zweitens wirkt sie darauf hin, im öffentlichen Bewusstsein für die Belange und Interessen von Mädchen zu sensibilisieren und dabei Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse zu nehmen, die strukturelle Ungleichheiten, Diskriminierungen und Gewalt erzeugen und manifestieren. Diese pädagogischen und politischen Ziele von Mädchenarbeit sind eng miteinander verwoben und durchdringen sich gegenseitig.

 

Historisch gesehen gab es in der Mädchenarbeit speziell in den 1990er Jahren nach der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (1990/91) einen mädchenpolitischen Aufbruch. Erstmals waren mit dem neuen Gesetz die Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen in allen Leistungsbereichen der Jugendhilfe sowie der Abbau von Benachteiligungen festgeschrieben (§ 9,3 KJHG). Auch die gesetzlich verankerte Beteiligung der Freien Träger an der Jugendhilfeplanung sowie der Adressatinnen selbst - also der Frauen aus der Mädchenarbeit und der Mädchen - führte zur Einmischung in die Jugendhilfeplanung oder zur Verfassung von Leitlinien. In der Folge existieren bis heute gute Vernetzungsstrukturen der Mädchenarbeit (vgl. Bitzan 2010).

 

Aktuell wird im Fachdiskurs um die Weiterentwicklung der Mädchenarbeit die Vernachlässigung der strukturellen Ebene „zugunsten einer Sichtweise, die die Mädchen als Subjekte in den Mittelpunkt stellt“ (Busche u.a. 2010, S. 13), kritisiert. Diskriminierungen, soziale Ungerechtigkeiten und strukturelle Gewaltverhältnisse werden - auch in der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen - zunehmend ausgeblendet oder verdeckt. Dieser „Verlust der Reflexionstiefe“ (Bitzan 2010) in der Mädchenarbeit ist in ein allgemeines neoliberales Gesellschaftskonzept eingebettet: „Wenn soziale Ungleichheit thematisiert wird, wird nicht mehr über den Prozess, wie es zu Ungleichheiten und Ausschluss kommt, diskutiert, sondern nur die individuelle Position, in der die einzelnen Gesellschaftsmitglieder stehen“ (Bitzan / Bütow 2010, S. 44). Aktuelle Veröffentlichungen der Mädchenarbeit betonen daher die Notwendigkeit eines „mädchenpolitischen Neuaufbruchs“ (ebenda, S. 46; siehe auch Busche u.a. 2010).

 

Ein wichtiger theoretischer Ausgangspunkt für mädchenpolitisches Denken und Handeln ist das Konzept der Intersektionalität. Im intersektionalen Verständnis werden verschiedene soziale Kategorien und Merkmale in ihrem komplexen Zusammenspiel analysiert, die Einfluss auf die Lebenserfahrungen aller Menschen haben, z.B. Geschlecht, ethnische und kulturelle Zugehörigkeit, Hautfarbe, Alter, Klassen- bzw. Milieuzugehörigkeit oder körperliche und geistige Beeinträchtigungen. In ihrer Verflochtenheit bringen Zuschreibungen und Hierarchisierungen unterschiedliche gesellschaftliche Fixierungen und Eingrenzungen, aber auch Potentiale und Zugangsmöglichkeiten hervor. Eine kritische intersektionale Analyse hilft, individuelle und strukturelle Benachteiligungs- aber auch Privilegierungsstrukturen, multiple Lebenserfahrungen und Handlungsoptionen zu erkennen und als Ansatzpunkte¨ für mädchenpolitisches Engagement zu identifizieren.

 

Mädchenpolitische Arbeit wird auf zwei Ebenen wirksam: sie agiert für die Mädchen und mit den Mädchen. Damit ist folgendes gemeint:

 

Mädchenarbeiterinnen sind gefordert, für die Mädchen aktiv zu werden und ihre Stimme für die Interessen und Belange von Mädchen zu erheben. Dies gilt vor allem für gesellschaftliche und politische Räume, zu denen Mädchen selbst keinen oder nur beschränkten Zugang haben. Auf institutionalisierter Ebene zählen dazu z.B. jugendpolitische Gremien- und Lobbyarbeit, die Mitwirkung an Planungs- und Steuerungsinstrumenten wie der Jugendhilfeplanung, die Verankerung von Qualitätsstandards sowie weitere Formen der Interessensvertretung. Auch Öffentlichkeitsarbeit in Form von Pressemitteilungen, Jubiläumsfeiern, der Platzierung von Informationen im Internet oder der Darstellung des mädchenspezifischen Arbeitsbereiches im Jahresbericht eines Trägers tragen zur öffentlichen Wahrnehmung bei und sind mädchenpolitische Instrumente. Darüber hinaus können mädchenpolitische Themen auch über vielfältige kreative Aktionsformen oder Kampagnen vermittelt werden. Beispiele dafür sind das Anwerben und Bemalen von Plakatwänden, Straßentheater, Demonstrationen, Smart Mobs oder ähnliche kreative Protestformen. Um für Mädchen aktiv zu werden, ist es Aufgabe der Mädchenarbeiterinnen, einerseits im Kontakt mit den Mädchen unmittelbar von deren Lebenssituationen, Bedürfnissen und Interessen zu erfahren und andererseits diese Informationen so zu konkretisieren und zu „übersetzen“, dass sie wirksam in die gesellschaftlich-politischen Diskurse eingebracht werden können.

 

Mädchenpolitisch mit den Mädchen zu arbeiten heißt, auch die Mädchenarbeit selbst als Teil des intersektionalen Diskurses um gesellschaftliche Verhältnisse zu begreifen. Im konkreten pädagogischen Alltag bringen sich die Mädchenarbeiterinnen genauso wie die Mädchen selbst mit eigenen Begriffen, Konzepten und Bildern ein. Diese schaffen Wirklichkeiten und erweitern oder begrenzen Handlungsräume. Im pädagogischen Kontakt gilt es permanent, vermeintliche Normalitäten kritisch in Frage zu stellen, Stereotype aufzubrechen, Alternativen aufzufächern und Raum für neue Erfahrungen zu schaffen. Auf diese Weise wird ein Feld für eine produktive Auseinandersetzung mit Widersprüchen, Zuschreibungen und Machtverhältnissen eröffnet. Diese hierarchiekritische pädagogische Haltung setzt am Konzept der Dekonstruktion an. Die politische Dimension liegt im Prozess der radikalen Infragestellung von Normalitäten. Sie setzt eine große Offenheit und die permanente (Selbst-)Reflexion der eigenen Stereotype und Normalitätskonstruktionen bei den Mädchenarbeiterinnen voraus. Durch eine dekonstruktive pädagogische Haltung werden zum einen Ausgrenzungen und Ungleichheitsverhältnisse aufgedeckt und in ihrer strukturellen Wirksamkeit besprechbar. Zum anderen ermöglicht sie den Mädchen, mit eigenen Erfahrungen, Gefühlen und Verletzungen in Kontakt zu kommen, die eigene Situation kritisch zu analysieren, Entlastung zu erhalten und damit Selbstermächtigung und Selbstbestimmung zu erfahren.

 

 

Ulrike Sammet, LAG Mädchenpolitik Baden-Württemberg, Februar 2012

 

 

 

Literatur:

 

Amann, Marc (Hg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Geschichten - Aktionen - Ideen. Frankfurt / Main 2011.
Bitzan, Maria: Mädchenpolitik im Spannungsfeld von genderbewusster Sozialer Arbeit und Neoliberalisierung. TRITTA e.V. Freiburg 2010.
Bitzan, Maria / Bütow, Birgit: Herausforderungen an die Mädchenarbeit - Überlegungen im Spannungsfeld von gendersensibler, diversitätsbewusster Sozialer Arbeit und Neoliberalisierung. In: Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik e.V. (Hg.): Schriftenreihe zur Mädchenarbeit und Mädchenpolitik, Heft 11/2010 „Die Mädchen von heute sind die Frauen von morgen“, S. 41-53.
Bitzan, Maria / Daigler, Claudia: Eigensinn und Einmischung. Einführung in Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit. Weinheim und München 2001.
Busche, Mart / Maikowski, Laura / Pohlkamp, Ines / Wesemüller, Ellen (Hg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. Bielefeld 2010.
Graff, Ulrike: Netzwerke und Organisationsstand von Mädchenarbeit. In: Sachverständigenkommission Elfter Kinder- und Jugendbericht (Hg.): Mädchen- und Jungenarbeit - Eine uneingelöste fachliche Herausforderung. München 2002, S. 265-276.
Häfner, Ulrike: Gleich, ähnlich, verschieden? Perspektiven für die Mädchenpolitik. In: Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik e.V. (Hg.): Schriftenreihe zur Mädchenarbeit und Mädchenpolitik, Heft 11/2010 „Die Mädchen von heute sind die Frauen von morgen“, S. 15-22.
Schimpf, Elke / Leonhardt, Ulrike: „Wir sagen euch, was wir brauchen, und ihr plant mit uns“. Partizipation von Mädchen und jungen Frauen in der Jugendhilfeplanung. Bielefeld 2004.

 


 

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