Jungenarbeit

„Jungenarbeit ist Teil einer 'Geschlechtsbezogenen Pädagogik', zu der auch die Mädchenarbeit, 'Crosswork'-Konzepte und die geschlechterreflektierende Koedukation gehören und soll als Querschnittsaufgabe in pädagogischen Prozessen etabliert werden“, so einigt sich die BAG Jungenarbeit auf eine Formulierung, welche Jungenarbeit in einen Gesamtzusammenhang der geschlechterbezogenen Arbeit einordnet (2010).


Historisch betrachtet findet die moderne Jungenarbeit seine Begründung zunächst durch die Feministische Bewegung. Diese mahnte die existierende Struktur sozialer Ungleichheit qua Geschlecht zuungunsten des weiblichen Geschlechts an. Aus diesem Faktum der strukturell angelegten Diskriminierung entstand die Idee und erste Ansätze der Mädchenarbeit. Zentral für die Mädchenarbeit war und ist das Ziel, Mädchen und junge Frauen zu sensibilisieren, um selbstbewusst handeln zu können sowie Diskriminierungen und Benachteiligungen aufzudecken. Dies, um aktiv das Geschlechterverhältnis für sich und spätere Generationen (mit-) zu gestalten. Als weitere Konsequenz forderte die Feministische Bewegung und die Trägerinnen der Mädchenarbeit Männer (vor allem Väter und andere Männer in pädagogischen Handlungsfeldern) auf, gezielt mit Jungen und jungen Männern im Sinne des feministischen Anliegens zu arbeiten. Aus Sicht der Feministischen Bewegung und der Mädchenarbeit ließen sich die Forderungen wie folgt zusammen fassen: Männer sollten sich (mehr) um Jungen kümmern und die gezielte Arbeit mit Jungen sollte bewirken, dass Jungen durch ihr Handeln nicht zu der Struktur sozialer Ungleichheit beitragen. Im konkreten "Doing Gender" zwischen Mädchen und Jungen konnte dies heißen, dass Jungen für Mädchen Raum freigeben sollten und nicht mehr Ressourcen für sich beanspruchen können und sollen, als dies Mädchen für sich beanspruchen. Auch wurde formuliert, dass Jungen generell nicht diskriminierend, aggressiv, sexistisch und gewalttätig auftreten und handeln sollten. Jungen wurden in diesem Zusammenhang in erster Linie als "werdende Männer", die für "das Patriarchat" mit allen Auswüchsen und Ungerechtigkeiten mitverantwortlich sind, gesehen. In den Focus trat deshalb die "männliche Sozialisation" der Jungen. Durch pädagogisches Handeln im Rahmen einer kritischen Jungenarbeit sollten "die Weichen" in eine andere Richtung gestellt werden. Für Männer in pädagogischen Arbeitsfeldern hieß dies, dem vermeintlich "patriarchalem Interesse und männlichem Konglomerat" entgegen zu wirken.


Sehr schnell wurde klar, dass es weder ein gemeinsames "patriarchales Interesse" gab, noch konnte aus den formulierten Forderungen von Seiten der Feministischen Bewegung ein für Jungen sinnvoller pädagogischer Ansatz entstehen. Übergeordnetes Ziel musste vielmehr sein, die existierenden Bilder von Männlichkeiten für Jungen und Männer sichtbar und erkennbar zu machen, um sich letztlich selber für einen Zugang zum Thema Geschlecht entscheiden zu können, der nicht diskriminierend oder ausgrenzend ist (vgl. Connell 2005)¨. Die Praktiker_innen in der Jungenarbeit stellten fest, dass ein Zugang zu Jungen in der pädagogischen Arbeit nur über Angebote und Beziehungsangebote, die weitgehend frei von Unterstellungen, Überverallgemeinerungen und Zuschreibungen gelingen kann. "Jungenarbeit als Reflex" erreichte Jungen nicht in angemessener Weise und musste sich im gewissen Sinne emanzipieren um, als Voraussetzung für gelingendes pädagogisches Handeln, einen guten Kontakt zu Jungen aufzubauen. Praktizierbare Jungenarbeit, die sich von der gängigen, oft wenig geschlechterbezogenen "Arbeit mit Jungen" inhaltlich abhebt, musste sich an der realen Praxis von Jungen orientieren sowie Jungen mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und auch Problemlagen an der Gestaltung der pädagogischen Praxis partizipieren lassen.


Dafür waren und sind keine speziellen Methoden, Maßnahmen oder Theorien notwendig, sondern dies setzt voraus, dass Jungenarbeiter_innen eine geschlechterbewusste Haltung für¨Beziehungsangebote entwickeln. Um sich bewusst zu der Kategorie Geschlecht verhalten zu können, müssen Entwicklungen und der Stand der Geschlechterverhältnisse im Blick sein sowie die je eigenen Bilder zu Geschlecht reflektiert werden. Die BAG Jungenarbeit fasst dazu folgendes zusammen: „Jungenarbeit ist eine Haltung und ein Beziehungsangebot in einem pädagogischen Kontext. Sie bezieht sich grundlegend auf die Lebenswelten von Jungen und jungen Männern und orientiert sich an ihren Ressourcen. Ziel ist es, Jungen und junge Männer wahr- und ernst zu nehmen und mit ihnen Partizipation zu leben. Jungen und junge Männer sollen darin unterstützt werden, ihre Geschlechterbilder zu erweitern, darauf bezogene Handlungs- und Bewältigungskompetenzen sowie die Fähigkeit zu einer konsensorientierten Auseinandersetzung zu entwickeln. Emanzipatorische Persönlichkeitsentwicklung, Selbstverantwortung und die reflexive Betrachtung der eigenen Beteiligung an der Konstruktion von Geschlecht und der Geschlechterverhältnisse sind hierfür notwendig. Jungenarbeit zielt auf die Gleichwertigkeit der Differenzen zwischen und innerhalb der Geschlechter. Voraussetzung ist es, Normalitäten und Normierungen des Alltags aufzudecken und kritisch zu reflektieren“. (Positionspapier der BAG Jungenarbeit, Stand Mai 2011)


Im Konkreten kann dies heißen, Jungen mit Offenheit zu begegnen und existierende Bilder über "die Jungen" mit der gebotenen Achtsamkeit zu prüfen, um letztlich weder tradierte Bilder von Jungen und Männern weiterzutransportieren noch insgesamt Bilder von Jungen überzuverallgemeinern.


Jungenarbeit ist in diesem Kontext auch nicht als eigenständiger pädagogischer Ansatz im Sinne einer "Sonderpädagogik für Jungen" zu verstehen. Jungenarbeit als Haltung und Beziehungsangebot kann in der Kinder- und Jugendarbeit, in Kindertagesstätten, Schulen, im Ausbildungs- und Berufskontext, aber auch in Familien und familiären Settings, wie zum Beispiel dem Heimbereich stattfinden. Jungenarbeit kann unabhängig vom Geschlecht des_der pädagogisch Handelnden und der Adressat_innen durchgeführt werden1. Dies setzt eine Akzeptanz der Vielfalt an biologischen und psychisch/sozialen Geschlechtern voraus.


Eine besondere Konstellation in der Jungenarbeit ist "Jungenarbeit im geschlechtshomogenen Setting". Sowohl die pädagogisch Handelnden wie auch die Adressat_innen sollen sich bewusst selber einer Geschlechtergruppe zuordnen können. In der geschlechterhomogenen Gruppe wird durch die sozialisationsbedingt ähnlichen Entwicklungs- und Vergesellschaftungserfahrungen eine besondere Nähe und Gemeinsamkeit beschrieben. Diese Nähe und Gemeinsamkeit kann in der Gruppe, bei entsprechend geschlechtersensiblen Anleitung oder Atmosphäre, zu einer Offenheit und Tiefe bei Gesprächen, Spielen und Aufgaben zu für Jungen relevanten Themen führen. Aus der Praxis der Jungenarbeit werden insbesondere die Themenbereiche der Freundschaft, Partnerschaft und Sexualpädagogik2, aber auch problembeladenere Themen wie Aggression und Gewalt benannt.


Jungenarbeit setzt ein gewisses Maß an Geschlechterkompetenz3 voraus. Diese Kompetenzen stehen in Abhängigkeit zu den sich wandelnden gesellschaftlichen Bildern von Geschlechtlichkeit, zu den Bildern von Geschlechtlichkeit der Jungenarbeiter_innen sowie zu den von Jungen (und Mädchen) gelebten geschlechtlichen Inszenierungen. Um geschlechterkompetent arbeiten zu können, müssen die mit gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen sich wandelnden Prozesse um Geschlecht entsprechend sensibel erfasst und reflektiert werden, da sich auch die möglichen Wege zum Ziel "Geschlechtergerechtigkeit" parallel verändern (können).


Perspektivisch betrachtet steht Jungenarbeit also immer im Kontext der sowohl individuellen wie auch gesellschaftlichen Entwicklungen und Geschichte sowie der je eigenen Wünsche und Bedürfnisse eines Jungen und der jeweiligen Kultur, in welcher sich Jungen bewegen. Die Haltung der Jungenarbeiter_innen und das damit in Zusammenhang stehende Beziehungsangebot kann nicht losgelöst von den benannten Prozessen betrachtet werden.


Die Motive für eine Jungenarbeit aus heutiger Sicht können nicht in der Beseitigung einer Struktur sozialer Ungleichheit begründet liegen. Eine strukturelle Benachteiligung aller Jungen, wie von der Feministischen Bewegung für Mädchen und Frauen konstatiert, existiert auf Jungenseite nicht. Dennoch gibt es Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen, die auch Jungen erfahren. Aktuell auf den Bildungsdiskurs bezogen sind häufig die ungeförderten, in Armut und sozialer Randständigkeit aufwachsenden Jungen, die vom Bildungssystem weniger bzw. nicht erreicht werden, zu benennen (vgl. BMFSFJ 2007). In dieser "Gruppe" der Benachteiligten sind Jungen mit Migrationshintergrund überrepräsentiert - dies nicht, weil die Jungen einen Migrationshintergrund haben und dieser "automatisch" dazu führt, sondern weil dort mehrere Differenzlinienen zusammenlaufen und intersektional wirksam sind. Das heißt, die Kombination aus mehreren Kategorien/Differenzlinien¨ führen letztlich dazu, dass in der Statistik ein Unterschied zwischen den Geschlechtern sichtbar wird. Jungenarbeit bezieht über das Geschlecht hinaus immer auch andere Differenzlinien wie zum Beispiel die soziale Herkunft, die Schichtzugehörigkeit, der kulturelle Hintergrund, ein möglicher Migrationshintergrund, aber auch Rassismuserfahrungen¨und andere, möglicherweise noch zu findende Kategorien mit ein. Um diese Ungleichheiten und Diskriminierung sichtbar zu machen und begegnen zu können, ist es Aufgabe der institutionalisierten Jungenarbeit, politisch aktiv für Jungen einzutreten.


1 Über das dichotome Geschlechtermodell von Mann und Frau hinaus, welches für viele Männer und Frauen auch zutreffend ist und ausreichend erscheint, existieren sowohl biologisch wie auch psychisch und sozial sehr unterschiedliche Formen von Geschlecht. Im Text soll der geschlechtlichen Vielfalt durch die Formulierung "_innen" entsprochen werden.

2 Dies kann ebenfalls die sexuelle Orientierung von Jungen betreffen. Jungenarbeiter_innen können dabei (Mädchen wie) Jungen hilfreich in ihrer geschlechtlichen Identitäts(weiter-)entwicklung zur Seite stehen.

3 Die Begriffe "Geschlechterkompetenz" und "Genderkompetenz" werden synonym verwendet. Genderkompetenz umfasst das Wissen über geschlechterbezogene Zusammenhänge in der Gesellschaft und in Organisationen sowie geschlechterbezogene Kompetenzen in der Interaktion zwischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen und die Fähigkeit zur geschlechterbezogenen Selbstreflexion.


Kai Kabs-Ballbach, LAG Jungenarbeit Baden-Württemberg, Februar 2012



Literatur:


BAG Jungenarbeit: Positionspapier der BAG Jungenarbeit, Stand Juni 2010, Hannover, 2010 zur Homepage

Boldt, Uli: "Ich bin froh, dass ich ein Junge bin': Materialien zur Jungenarbeit in der Schule“; Schneider Verlag Hohengehren, 2004

Budde, Jürgen: „Von lauten und leisen Jungen“; 2007 zum Text

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hg.): Mädchen und Jungen in Deutschland. Lebenssituation, Unterschiede, Gemeinsamkeiten. 2007.

Connell, Robert W. und Connell Raewyn: “Masculinities”: Second Edition; University of California Press, 2005

Jantz, Olaf; Grote, Christoph (Hg.): Perspektiven der Jungenarbeit. Konzepte und Impulse aus der Praxis; Leske und Budrich, Opladen, 2003

Krabel, Jens / Cremers, Michael (Hg.): Gender Loops. Praxisbuch für eine geschlechtergerechte und
-bewusste Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Berlin, 2008

Walter, Melitta: Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung; München, 2005.

Sturzenhecker Benedikt; Winter, Reinhard (Hg.): Praxis der Jungenarbeit;¨Modelle, Methoden und Erfahrungen aus pädagogischen Arbeitsfeldern; Juventa Weinheim und München 2002




[drucken]